Best of Feuilleton

Im Folgenden finden sich für mich besonders „treffende“ Zitate aus verschiedenen Feuilletons und Kommentaren.

Juli Zeh in der SZ vom 4. April 2020

Wir werden als Bürger durch die Rhetorik und das Vorgehen in eine wirklich schwierige Lage gebracht. Die allermeisten von uns verstehen, dass es notwendig ist, etwas gegen das Virus zu unternehmen. Man will vernünftig sein, man will auch Solidarität zeigen gegenüber Risikogruppen, man will nicht das gemeinschaftliche Vorgehen torpedieren. Aber vieles von dem, was passiert, erscheint einem unlogisch, überstürzt, undemokratisch. Dagegen würde man gern aufbegehren. Aber dann wird einem gesagt, dass man sich schuldig macht an möglichen Opfern, wenn man nicht mitspielt. Das ist ein unnötiges Dilemma, das die Menschen quält: ein künstlich entfachter Antagonismus zwischen Menschenrechten und Menschenleben.

Aber was mir Angst macht, ist die Erkenntnis, wie wenig wir als demokratische Gesellschaft mit Krisensituationen umgehen können. Wie schnell wir zu angstgetriebenen Entscheidungen bereit sind, wie kopflos auch unsere gewählten Politiker agieren, wenn sie gleich die Verantwortung an „Berater“ abgeben, statt besonnen im Sinne der Demokratie zu agieren. Mit Verlaub, Covid-19 ist nicht harmlos. Aber es sind viel schlimmere Pandemien oder andere Katastrophen denkbar. Wie sollte es denn dann erst zugehen?

https://www.sueddeutsche.de/kultur/juli-zeh-corona-interview-1.4867094 (04.04.2020)

Surreal
(SZ-Phrasenmäher vom 02.04.2020)

Kann das alles wahr sein? Markus Söder, einer der vormals unbeliebtesten Politiker in Deutschland, avanciert in Meinungsumfragen zum Hoffnungsträger? Das kommt in dieser Lage einer Superhelden-Rolle gleich. Hoffnung auf bessere Zeiten ist hoch im Kurs, höher noch als Klopapier. Kann es wahr sein, dass die Menschheit von 130 Nanometer kleinem Ungeziefer heimgesucht wird und sich hilflos in ihre Stuben verkriecht? Seit der Pest sind hier 300 Jahre vergangen. Der Schwarze Tod ist eine Sagengestalt, und bei Sagengestalten handelt es sich um bessere Witzfiguren. Gleichzeitig kommunizieren die Menschen mit Hilfsmitteln, die sie noch vor 40, 30, 25 Jahren für utopisch hielten und für eine nette Idee der Drehbuchschreiber von „Raumschiff Enterprise“. Sie treffen sich in Gruppen zu Videotalks. Das sind nicht nur Videokrisengespräche, sondern auch Videokaffeekränzchen und Videosagenvorleseabende. Die Menschen des Jahres 2020 wirken so ratlos wie vor 300 Jahren, doch ihre Technik ist so entwickelt wie in ihren eigenen noch ziemlich jungen Science-Fiction-Vorstellungen. Eine finstere Vergangenheit und eine Fantasiezukunft vereinen sich im Alltag. Hinzu kommen die Prognosen über den ökonomischen Weltuntergang. Wobei ihre Urheber schlüssiger argumentieren als Nostradamus, dem man danken muss, dass er über die Coronasache angeblich die Schnauze gehalten hat, wie diese Woche enthüllt wurde. Wer all das nicht wahrhaben will, stempelt es mit einem Attribut ab, das eine saubere Inflation erlebt: surreal. Leute, auch wenn Markus Söder Sience-Fiction-mäßige Umfragewerte erzielt, wir sind hier nicht in einem Picasso-Gemälde. Wir sind in der Realität. Und die ist bitter. Oder höchstens skurril. Beziehungsweise maximal bizarr. Das reicht schon.

Von Rudolf Neumaier
https://www.sueddeutsche.de/kultur/phrasenmaeher-surreal-1.4864800

Der polnische Autor Szczepan Twardoch in der WELT vom 31.03.2020

Wir wissen noch nicht, was die Katastrophe gewesen sein wird, die wir heute erleben, auch wenn die Mehrheit von uns, die wie wir noch nicht in überfüllten italienischen Spitälern sterben, sie bislang nur als als Zwang zu gewissen Entbehrungen erfährt. Noch immer leben wir in der Hoffnung, das sei ein Übergangsstadium, die Welt werde in ihre alten Bahnen zurückkehren, ein Jahr vielleicht würden wir verlieren, nicht aber die Welt, in der wir lebten. Mit dieser Hoffnung erleben wir zugleich auch die Angst vor dem Unbekannten, Angst vor der Welt, die aus der Katastrophe hervorgehen wird, und sie ist es, die wir mehr fürchten als den Tod. Wir fürchten, unser Geld, wenn wir denn welches haben, könnte überhaupt nichts mehr wert sein, und wenn wir keines haben, wovon wir denn leben werden, wenn die Branchen, in denen wir arbeiten, kaputtgehen.

Da ist eine Katastrophe zu uns gekommen, bei der die Menschen nicht auf den Straßen sterben, sich nicht in Monster verwandeln; statistisch droht uns gar nicht so viel, noch immer ist die Wahrscheinlichkeit, bei einem Verkehrsunfall zu sterben, größer. Und trotzdem machen die Maßnahmen, die unsere Gesellschaften ergreifen müssen, unser Leben schwer erträglich und rauben ihm alles, was es an Geschmack und Sinn besaß, lassen es auf diese merkwürdige, schmerzliche Zeit zusammenschrumpfen, die uns unseren Herdentrieb, unsere Spielfreude und unsere Fröhlichkeit, am Ende damit auch unser Menschsein nimmt. Das gesellschaftliche Leben kommt zum Erliegen. Mehr noch, uns beunruhigt auch die Aussicht auf einen Zivilisationskollaps als nicht gar so unwahrscheinliche Folge der notwendigen Abhilfemaßnahmen: Wird womöglich die Geldwirtschaft zusammenbrechen? Wenn ja, was für eine Welt wird aus ihren Trümmern hervorgehen? Ist es die große Krise, die soeben begonnen hat, oder etwas viel Schlimmeres?

https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/plus206920307/Polnischer-Star-Autor-Wir-warteten-auf-Zombies-Und-dann-kamen-Viren.html (31.03.2020)

Richard Kämmerlings in der WELT

Unwirklich, ja, so fühlt es sich gerade an. Aber auch seltsam, dass gerade der umfassende Einbruch einer Menschheitskatastrophe so empfunden wird, wo es doch eigentlich umgekehrt ist: Denn einer der Effekte der gegenwärtigen Lage ist, dass vieles, was uns als selbstverständlicher Alltag und Normalität erschien, plötzlich als Schein, als Ideologie, als Flucht von existenziellen Wahrheiten erkannt wird. Das Reale ist die Krankheit, ist das Leben und der Tod.

Eigentlich hat unsere Wahrnehmung doch einen gewaltigen Realitätsschub erlebt: Das Leben ist kostbar, die Gesundheit fragil, der Mensch ein biologisches Wesen, das von Krankheit, Unglück und Tod nicht nur im unglücklichen Einzelfall, sondern massiv und dauerhaft bedroht ist. 

https://www.welt.de/kultur/plus206813071/Innere-Corona-Krise-Was-die-Horrormeldungen-mit-uns-machen.html?wtrid=onsite.onsitesearch (28.03.2020)

Warnung vor einem „faschistoid-hysterischen Hygienestaat“

Der Göttinger Kirchen- und Verfassungsrechtler Hans Michael Heinig weist auf die Gefahr hin, „dass sich unser Gemeinwesen von einem demokratischen Rechtsstaat in kürzester Frist in einen faschistoid-hysterischen Hygienestaat“ verwandelt. Wie tief greifend die Zäsur durch das Coronavirus sei, zeige sich auch daran, dass „zum ersten Mal seit der Christianisierung Europas keine Ostergottesdienste stattfinden dürfen“, sagt Heinig. „In jedem Krieg, in jeder Katastrophe haben die Gemeinden zusammen gebetet. Natürlich lässt sich das nicht durch Onlinegottesdienste auffangen. Die flächendeckende Absage der Gottesdienste ist auch Ausdruck einer tief greifenden Säkularisierung unserer Gesellschaft.“

https://www.welt.de/politik/deutschland/plus206862007/Coronakrise-Medizin-darf-nicht-gefaehrlicher-sein-als-die-Krankheit.html?wtrid=onsite.onsitesearch (29.03.2020)

LEÏLA SLIMANI, NORMANDIE

Ich habe keine Angst, weil mir all das sehr unwirklich erscheint. Es ist ein Spiel oder ein Traum, es ist ein Test, dem wir unterzogen werden und der bald endet. Hat ein Hollywood-Autor die Kontrolle über unser Leben übernommen? Ich habe keine Angst, weil ich weiß, dass es vorbeigehen wird und wir wieder hinausgehen und uns berühren werden können. Ich frage mich, was schlimmer wäre: dass das Leben weitergeht wie zuvor oder nichts mehr ist, wie es einmal war.

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/themen/leila-slimani-in-der-reihe-mein-fenster-zur-welt-16688584.html

Antonio Scurati, Italien

Wenn Menschen eine noch nie dagewesene, tödlichen Bedrohung erleben, dann tendiert die kollektive Psyche zu Extremen. Die Bedrohung wird entweder vollkommen unterschätzt nach dem Motto: „Es ist ja nur eine Art Grippe“, oder die Reaktion ist eine unverhältnismäßige Panik im Sinne von: „Es ist eine Art Pest, wir sind alle erledigt.“ Diese Hysterisierung der Gefahr ist typisch für eine Gesellschaft, die immer eher vermittelte als reale Erfahrungen gemacht hat und in der vor allem das „Böse“ des eigenen Zeitalters die Dimension der kollektiven Vorstellungskraft bestimmt. Ich spreche von Krieg und Terrorismus, von Umweltkatastrophen und massenhafter Migration. Ich gehöre der Generation an, die 20 Jahre alt war, als mit dem Golfkrieg zum ersten Mal ein Krieg in unserem Namen geführt wurde. Aber für uns war das nicht mehr als ein Fernsehabend, erstmals in der Menschheitsgeschichte wurde live von einer Front berichtet. Und wir waren 30 Jahre alt, als wir am 11. September 2001 den Einsturz des World Trade Centers im Fernsehen mitverfolgten. Es war ein epochales und traumatisches Ereignis, aber für die Mehrheit der Menschen, auf die dieser Terrorakt letztendlich zielte, war es vor allem ein Medienereignis. 

Sicher, wir waren die glücklichste Generation der Geschichte, die Jeunesse dorée der Menschheit. Wenn ich glücklich sage, meine ich nicht den Gefühlszustand. Frühere Generationen, die weniger wohlhabend und auf eine verzweifelte Art lebendig waren, sind vielleicht glücklicher gewesen. Ich spreche vom schicksalhaften Glück. Anfang der Siebziger in Italien oder Westdeutschland geboren worden zu sein, hat unsere Generation zum wohlhabendsten, gesündesten, sichersten, am besten gekleideten und ernährten sowie verhätschelsten Stück Menschheit gemacht, das je auf Erden gewandelt ist. Ich behaupte nicht, dass diese Privilegiertheit den Einzelnen immer vor Leid, Widrigkeiten oder Krankheiten bewahrt hätte. Ich spreche von schweren kollektiven historischen Erfahrungen, von geteilten Schicksalsschlägen. Was das angeht, waren wir vom Schicksal geküsst. Man muss sich ja nur einmal die Biographien unserer Väter und Großväter anschauen. Einige von Ihnen erlebten zwei Weltkriege, einen Kolonialkrieg und die Spanische Grippe, die weltweit in nur zwei Jahren zehn Millionen Menschen tötete.

Ich glaube, diese Katastrophe ist der Punkt, von dem es kein Zurück mehr gibt. Erstmals ist jeder Einzelne von uns dazu gezwungen, sich als Teil einer politischen Gemeinschaft zu sehen – als Teil einer Gemeinschaft von Individuen, wie Norbert Elias sie beschrieben hat. Entweder es gelingt uns, gemeinsam ein Gefühl für Geschichte und Bestimmung wiederzuentdecken und das in politisches Denken zu überführen, oder wir werden alle einzeln, als unzusammenhängende Masse von Individuen untergehen. Ich glaube, dies ist die eigentliche Feuerprobe für Europa. Es wird sich entweder als politische Entität aus den Trümmern dieser Tragödie erheben; oder es wird endgültig als bürokratisches und wirtschaftliches Gebilde zerbrechen. Ich möchte deshalb einen Appell an die Leser und meine deutschen Freunde richten: Dies ist kein italienisches Problem, wir erleben eine europäischen Notfall. Das Coronavirus ist eine tödliche Herausforderung für Europa. Von unseren Reaktionen hängt dessen Zukunft ab, mehr noch als die Zukunft unserer eigenen Länder.

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/corona-in-italien-autor-antonio-scurati-ueber-die-epidemie-16679283.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2