Über „Sehnsuchtsdruck“

Der Psychologe Stephan Grünwald in einem Interview mit ZEIT-online vom 15. August 2020:

Grünewald: Wir stehen in einem Konflikt unterschiedlicher Moral-Gebote. Wir sind eine Kultur, in der physische Nähe wie ein Handschlag, eine Umarmung oder sonstige innige Zuwendungen wichtig sind. All das wurde durch Corona diskreditiert. Aus dem Gebot der Nächstenliebe ist das Gebot der Fernbeziehung geworden. Daran haben sich alle erst mal gehalten, aber so langsam spüren viele, dass es ohne soziale Nähe auf Dauer einfach nicht geht. Viele stellen fest, dass ihre alten Eltern oder Großeltern ab und zu eine Umarmung brauchen, um nicht zu verkümmern.

ZEIT ONLINE: Wie gut können die Menschen, die sie sprechen, mit diesem Konflikt umgehen?

Grünewald: Die erste Phase fiel den Menschen leichter. Corona war eine große unbekannte Bedrohung, alle waren gleichermaßen geprägt von einer Ohnmachtserfahrung. Eine Gefahr, die man nicht wahrnehmen kann, ist psychologisch der schlimmste Störfall. Diese Ohnmachtserfahrung führte zu einer großen Solidarität und ja auch zum Schulterschluss unter Politikern, Journalisten, Virologen und Bürgern. Alle haben sich gemeinsam in einem kollektiven Bremsaktivismus gegen die Bedrohung gestemmt. Da war auch noch die Hoffnung da, dass es nach ein paar Wochen ausgestanden ist. Ostern sollte der Spuk vorbei sein, dann sollte schon wieder Wiederauferstehung gefeiert werden. Das hat sich aber leider nicht erfüllt. Und so folgte darauf die Phase der Polarisierung: Wirtschaft gegen Gesundheit, Krisengewinner gegen -verlierer, Staatsgläubige gegen Freiheitsapostel. Damit war auch vielerorts die Solidarität hinfällig. Und jetzt merken die Menschen enttäuscht, dass uns die Pandemie noch lange Zeit begleiten wird.

ZEIT ONLINE: Wie hält man denn nun in einer solchen Situation die Moral hoch?

Grünewald: Das ist schwer. Zumal die Einhaltung der Regeln die Menschen in schwere moralische Dilemmata führt. Da ist etwa der Mann, der in einem Interview erzählt hat, dass in der Bahn eine ältere Frau gestürzt sei und er sich fragte: Kann ich ihr helfen, oder stecke ich sie womöglich an? Es werden also selbst älteste moralische Gebote wie das Samaritertum infrage gestellt. Selbst die anfängliche Hoffnung, es gäbe durch Corona einen klaren Fokus in der Welt, nach dem sich alle zu richten haben, ist inzwischen verflogen. Die komplexen gesellschaftlichen Probleme in Sachen Gerechtigkeit, Wertschätzung, Orientierung, die bereits vor Corona da waren, kehren jetzt mit voller Härte zurück. Familien, die sich beispielsweise in den großen Städten keine Dreizimmerwohnung leisten können, leiden jetzt noch mehr unter der räumlichen Enge. Und viele Pflegekräfte haben zwar Applaus bekommen, aber keine höhere Vergütung.

ZEIT ONLINE: Wie stark ist denn Ihrer Ansicht nach in der Bevölkerung das Gefühl ausgeprägt, dass man sich in einer bedrohlichen Lage befindet?

Grünewald: Das Drohmoment ist nicht so stark, weil wir ja die erste Welle gut gemeistert haben. Aber die Grundhaltung, die uns die Menschen in den Interviews mitteilen, ist heute doch vorsichtiger als vor Corona. Fast alle Befragten beschreiben, sie seien stets mit angezogener Handbremse unterwegs. Wir sind innerlich völlig anders aufgestellt als vor der Pandemie und befinden uns in einer Art Zwischenwelt, erleben alles abgedämpft. Das Leben hat für die meisten nicht die Exaltiertheit, Sinnlichkeit und Intensität früherer Zeiten.

ZEIT ONLINE: Reicht diese vorsichtige Grundhaltung, die Sie beschreiben, aus, um die Leute auch auf Dauer zu disziplinieren?

Grünewald: Die Disziplin steht unter einem wachsenden inneren Sehnsuchtsdruck. Denn durch den Lockdown ist die Nation in eine Art kollektiven Vorruhestand geschickt worden. Vor allem die Jugend hatte damit größere Probleme als ältere Semester. Die will feiern, sich in der Gruppe erleben, im Stadion oder in der Disco steilgehen oder sich sexuell ausleben. So ziemlich alles, was jugendliches Leben ausmacht, ist aber derzeit gedeckelt. Und obwohl die meisten Jugendlichen sich selbst für unverwundbar halten und glauben, dass das Virus sie nicht treffen könnte, haben sie lange Zeit stillgehalten. Vor allem auch deshalb, weil sie die Sorge um ihre Verwandten umtreibt. Die Angst davor, andere anzustecken und sich schuldig zu machen, ist riesig.

ZEIT ONLINE: Trotzdem hat man in der Öffentlichkeit bisweilen den Eindruck, Corona sei überstanden: Es wird vielfach beklagt, dass etwa die Maskenpflicht in der Bahn oder beim Einkaufen von vielen nicht ernst genommen wird.

Grünewald: Die Maske wird von vielen Menschen als Bevormundung im eigentlichen Sinne des Wortes erlebt. Sie schiebt sich wie ein Filter zwischen Mensch und Außenwelt und dämpft viele Lebensvollzüge – vom Atmen, über das Riechen, Sprechen oder Lächeln – ab. Viele betrachten es daher als Akt der Mündigkeit, die Maske gar nicht oder falsch zu tragen. Und wenn die Maskenpflicht dann nicht kontrolliert und sanktioniert wird, wie es ja vielerorts der Fall ist, rückt die Frage, ob man den Mund-Nasen-Schutz trägt oder nicht, schnell in den Bereich der persönlichen Beliebigkeit. Die Maske wird zur Fahne einer Fraktion der Umsichtigen, die von denen angefeindet werden, die die Maske nur als Ärgernis sehen.

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