Symbolverwirrung

Auf der Anti-Corona-Maßnahmen-Demo am 29. August 2020 waren viele unterschiedliche Fahnen und Symbole zu sehen, einige frei erfunden, andere völlig falsch verstanden und einige eindeutig rechtsradikal.

Ein Text zur Klärung:

Die viel beschworene „Reichsfahne“ Schwarz-Weiß-Rot steht für das Deutsche Kaiserreich von 1871-1918, einer
konstitutionellen Monarchie, d.h. es gab zwar einen Reichstag, der aber
relativ wenig Mitspracherechte hatte. Die Kaiser, insbesondere Kaiser
Wilhelm II. verachtete das Parlament als „Reichsschwatzbude“. Das
Reichstagsgebäude wurde Ende des 19. Jahrhunderts errichtet, die Inschrift
„Dem deutschen Volke“ aus erst am Ende des Ersten Weltkriegs angebracht,
um „das Volk“ für eine Fortsetzung des Krieges zu gewinnen. Schwarz-Weiß
waren zudem die Farben Preußens, des wichtigsten Staates des Kaiserreich.

In der Weimarer Republik (1918-1933) wurden dann Schwarz-Rot-Gold zu
Nationalfarben, die Farben gehen zurück auf den Freiheitskrieg gegen
Napoleon 1814, stehen dann aber vor allem als Symbol für die bürgerliche
Freiheitsbewegung gegen Fürsten des Deutschen Bundes: Schwarz-Rot-Goldene
Fahnen werden beim Hambacher Fest 1832 getragen, vor allem werden sie zum
Symbol der Revolution von 1848/49, als auch erstmals Grundrechte für eine
geeintes Deutsches Reich beschlossen wurden. Nach der blutigen
Unterdrückung der Revolution, v.a. durch preußische Truppen sind die
Farben de facto verboten, da revolutionär, ebenso übrigens wie das
„Deutschlandlied“:
„Deutschland, Deutschland über alles“ wurde zunächst so verstanden, dass
ein geeintes Deutschland wichtiger ist als die Macht der Fürsten oder das
Nationalbewusstsein einzelner Mitgliedsstaaten des Deutschen Bundes, also
etwa auch Bayern. Und „Einigkeit und Recht und Freihei“ fordert wiederum
die deutsche Einheit, aber auch so etwas wie „Solidarität“, Recht steht
auch für gleiche Rechte, und Freiheit für bürgerliche Freiheiten, wie etwa
Pressefreiheit, die in einer gesamtdeutschen Verfassung garantiert werden
sollten. Daher wurde das „Deutschlandlied“ auch zur Nationalhymne der
Weimarer Republik.

Rechtskonservative und rechtsradikale Kräfte lehnten während der Weimarer
Republik aber „Schwarz-Rot-Gold“ ab, verunglimpften sie auch als
„Schwarz-Rot-Senf“, vor allem griffen sie selbst immer wieder auf die
kaiserlichen Farben zurück. Als dann der Monarchist und Kriegsheld Paul
von Hindenburg zum Reichspräsidenten gewählt wurde, kam es zum
Flaggenstreit. Vor allem im Ausland und bei der Handelsmarine durften
danach auch die kaiserlichen Farben gezeigt werden.

Die Nationalsozialisten griffen lediglich auf die Farbkombination
Schwarz-Weiß-Rot zurück, die sich in der Hakenkreuzfahne wiederfindet.
Republikanische Schwarz-Rot-Goldene Fahnen wurden verboten und verbrannt,
die kaiserliche Fahne anfangs noch geduldet. Vom Deutschlandlied wurde nur
noch die erste Strophe gesungen, diese Mal aber explizit mit dem Anspruch
auf „Weltherrschaft“, dem Deutschlandlied folgte das martialische
„Horst-Wessels-Lied“. Außerdem brannte zu Beginn der NS-Herrschaft der
Reichstag, der jetzt das Symbol der Demokratie war, es folgten die
NS-Ausnahme- und Terrorgesetze.

Die Farben Schwarz-Rot-Gold wurden also von den Nationalsozialisten nicht
missbraucht und standen nach 1949 sowohl für die Bundesrepublik
Deutschland als auch für die DDR, die die Farben erst später mit dem
Ährenkranz-Symbol + Hammer und Zirkel (nicht Sichel wie bei der sowjet.
Fahne!) ergänzte.

Zur Nationalhymne erhoben wurde nur die 3. Strophe des Deutschlandlieds
(„Einigkeit und Recht und Freiheit“), bei dem aber leider immer auch das
„Deutschland, Deutschland über alles“ mitschwingt. Daher wäre es meines
Erachtens sehr viel besser gewesen, mit der Wiedervereinigung auch eine
neue Nationalhymne, etwa Brechts „Kinderhymne“ einzuführen.

Was die Anti-Corona-Maßnahmen-Demos angeht, so werden dort viele Symbole
einfach gedankenlos und ohne jedes historisches Wissen verwendet, mit
Ausnahme eben der Schwarz-Rot-Weißen Fahnen, die offiziell ja auch von der
NPD verwendet werden. Dass die AfD Schwarz-Rot-Gold für sich reklamiert
und „gekapert“ hat, ist ein historischer Irrtum…

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