Wir sind längst China…

Der deutsch-koreanische Philosoph und Essayist Byung-Chul Han in WELT-online, vom 17.04.2020

„Das Virus ist Terror aus der Luft. Es stellt eine wesentlich größere Bedrohung dar als der islamische Terrorismus. Es ist fast eine Logik der Sache, dass die Pandemie Maßnahmen zur Folge haben wird, die die ganze Gesellschaft dauerhaft in eine Sicherheitszone, in eine Quarantäne verwandeln, in der jeder wie ein potentieller Virusträger behandelt wird.

Es wird sich bald die Erkenntnis durchsetzen, dass es bei der Bekämpfung der Pandemie geboten ist, kleinteilig vorzugehen, das heißt, das einzelne Individuum in den Blick zunehmen. Aber der Liberalismus lässt diese Vorgehensweise nicht ohne Weiteres zu. Eine liberale Gesellschaft besteht aus Individuen mit Freiräumen, die keinen staatlichen Zugriff erlauben. Schon der Datenschutz verhindert die kleinteilige Überwachung von Individuen.

Da die liberale Gesellschaft über die Möglichkeit nicht verfügt, das einzelne Individuum zum Gegenstand der Überwachung zu machen, bleibt ihr nur ein kompletter Shutdown mit massiven wirtschaftlichen Folgen übrig. Der Westen wird bald zu der eigentlich verhängnisvollen Erkenntnis gelangen, dass allein eine Biopolitik, die einen uneingeschränkten Zugriff auf das Individuum erlaubt, den Shutdown verhindert, dass gerade die geschützte Privatsphäre einen Schutzraum für das Virus darstellt. Diese Erkenntnis bedeutet aber ein Ende des Liberalismus.

Die Asiaten rücken mit einer für Europäer unvorstellbaren Härte und Disziplin dem Virus auf den Leib. Dabei steht das einzelne Individuum im Fokus der Überwachung, was den Hauptunterschied zu Europas Pandemiebekämpfung ausmacht. Die Überwachung ist lückenlos. Gefordert wird ein unbedingter Gehorsam. Jedes Haus wird einzeln überwacht. Bei der Kontrolle müssen alle Bewohner des Hauses am Fenster erscheinen. Denjenigen, die im Hinterhof wohnen, wird ein Fester an der Straßenseite zugewiesen. Jeder wird beim Namen gerufen und nach seinem Gesundheitszustand gefragt. Wer lügt, muss mit Todesstrafe rechnen. Ein lückenloses Registrierungssystem wird errichtet. Der Raum erstarrt zu einem Netz von undurchlässigen Zellen. Jeder ist an seinen Platz gefesselt. Wer sich rührt, riskiert sein Leben.“

Ein Gedanke zu “Wir sind längst China…

  1. Wenn das so stimmt, was Byung-Chul Han da berichtet, dann ist das schrecklich und für uns unvorstellbar. Ich meine, klar wissen wir dass China und Nordkorea Diktaturen sind, aber was das im Einzelnen bedeutet kann man sich eben nicht wirklich vorstellen.
    Ich sehe die Tendenzen zum Tracking über die smartphones auch sehr kritisch.Es werden ja derzeit sehr viele ungewöhnliche Maßnahmen mit dem Corona Virus begründet. Die Überwachung findet im Augenblick eher freiwillig durch die Öffentlichkeit und Nachbarschaft statt. Trotzdem ist das nochmal etwas ganz anderes als eine systematische Überwachung durch den Staat.
    Hoffen wir mal, dass es dazu nicht kommen wird.

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